Beten als Lebensaufgabe
Karmelitinnenkloster Regina Pacis in Rödelmaier
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| Blick aus der Vogelperspektive aufs Kloster Rödelmaier mit seiner ausgedehnten Gartenanlage. |
| „Eigentlich wollte ich nie ins Kloster gehen“, bekennt Schwester Elisabeth Weiß nachdenklich. Die 69-jährige lebt seit 47 Jahren im Karmelitinnenkloster Regina Pacis. Sie hat ihre Entscheidung nicht einen Tag bereut.Der Ruf Gottes ereilte die gelernte Kinderkrankenschwester, als sie eine schwere Angina für einige Tage in die Isolierstation brachte. „Eine Schwester schenkte mir dort ’Die Geschichte einer Seele‘ der Thérèse von Lisieux“, erinnert sie sich – eine Lektüre, die bei der jungen Frau einschlug wie eine Bombe: „Plötzlich erkannte ich, dass unsere Kirche das Gebet mehr als alles Geld der Welt braucht!“ Sie trat in das Karmelitinnenkloster Regina Pacis ein, eine Kehrtwende im Leben, die sie als „beglückend und friedvoll“ bezeichnet: „Zwar verlangt Gott auch Verzicht und Opfer, aber seine unendliche Gnade, Liebe und Großmut wiegen alles wieder auf!“
Auf eine ganz andere Berufung blickt Oberin Ancilla Bulowski zurück: Schon als Schülerin besuchte sie einen Gebetskreis, wurde immer wieder von der Frage nach dem Sinn des Lebens eingeholt. So begann die junge Frau Klöster in ganz Deutschland zu besuchen. Auch in Rödelmaier wollte sie auf Probe mitleben. Was ihr jedoch damals verwehrt wurde, ist heute Bedingung. Nach einem längeren Suchweg kam bei Ancilla die intuitive Entscheidung sprichwörtlich über Nacht: „Ich erwachte am 1. Oktober und wusste: Du gehst in den Karmel“.
Zehn Schwestern
Insgesamt zehn Schwestern im Alter von 36 bis 93 Jahren leben heute in Regina Pacis, einem von 24 Karmelitinnenklöstern in Deutschland. Seit 1926 besteht der Karmel in der kleinen Ortschaft Rödelmaier, rund fünf Kilometer östlich von Bad Neustadt an der Saale. Gegründet wurde das Kloster von Gabriele von Liszt, einer Karmelitin aus Wien, die gemeinsam mit sieben weiteren Schwestern das 1754 erbaute Schloss der Voigt von der Salzburg bezog. Ihren Lebensunterhalt bestreiten die Schwestern bis heute vom Gartenbau sowie durch Lebensmittel-, Sach- und Geldspenden. Seit 1968 betreiben die Schwestern außerdem eine der wenigen Hostienbäckereien. Wöchentlich werden circa 90000 Hostien gebacken, die an über 300 Kunden aus den Diözesen Würzburg und Fulda verkauft werden. Herumgesprochen hat sich auch das Talent der Schwestern im Kerzenverzieren: Kunden aus dem ganzen Rhön-Grabfeld bestellen regelmäßig Kerzen zu verschiedensten Anlässen, so dass die Schwestern kaum mit dem Verzieren nachkommen. Die Arbeit dient dem Lebensunterhalt der Schwestern, sie bildet aber nicht deren Lebensinhalt. Im Zentrum karmelitischen Lebens stehen vielmehr Gebet, Stille und Kontemplation: „Der Gebetsauftrag ist unser Beitrag für Kirche und Welt“, betont Ancilla. So beginnen die Schwestern ihren Tag mit einem gemeinsamen Gebet und einer Meditation. Um 7 Uhr folgen Laudes und Terz sowie die Feier der Heiligen Messe. Im Laufe des Vormittags erledigen die Schwestern dann ihre Arbeit in Hostienbäckerei, Garten, Küche und Haus. Zum Mittagsgebet versammelt man sich wieder, um sich dann nach gemeinsamer Rekreation (Erholungszeit) bis zur Vesper, dem Abendgebet der Kirche, wieder der Arbeit zuzuwenden. Nach einer weiteren Stunde des inneren Gebets und anschließendem Abendessen treffen sich die Schwestern wieder zur Rekreation. Nach Lesehore und Komplet beginnt schließlich um 20 Uhr das große Stillschweigen.
Atmosphäre der Stille
Was dem modernen Besucher eher seltsam anmutet, ist jedoch keine willkürliche Schikane, sondern Hilfestellung für ein Leben beständigen Gebetes. „Um seine ganze Aufmerksamkeit auf Gott richten zu können, sind eine entschiedene Abkehr von allen Ablenkungen und eine Atmosphäre der Stille nötig“, erläutert Ancilla. Nicht zuletzt aus diesem Grund gehören eremitische Elemente wie Einsamkeit, Schweigen und strenge Klausur zum karmelitischen Alltag. Nach wie vor versteht sich der Karmel als kontemplativer Gebetsorden, der das Gebet leben will. „Zurückgezogenheit und innere Sammlung sind ein Anspruch, den wir brauchen und leben wollen“.
So dürfen auch Besucher nur in das Sprechzimmer und die Kapelle, der Rest des Klosters unterliegt der Klausur. Dennoch bedeutet diese Regelung für karmelitisches Verständnis bereits eine enorme Öffnung. Lebhaft erinnert sich Schwester Elisabeth an die Zeit vor und nach dem Konzil: „Als ich kam, trennte Kapelle und Schwesternchor eine Wand; nur durch ein kleines Fenster konnte man die Hostie während der Wandlung sehen.“ Heute ist diese Mauer durchbrochen – mehr als nur ein Symbol für die Öffnung des Klosters nach außen. Während das sich nach außen abschottende Kloster in früheren Zeiten eine Aura des Geheimnisvollen umgab, heißt man heute gerne Besucher zu den verschiedenen Gebetszeiten willkommen.
Auch die Kapelle ist immer offen. „Wir wollen unser Gebet teilen und dabei auf die Menschen eingehen“, lädt Schwester Ancilla ein. Und schließlich ist im Laufe der Jahre auch die Verbundenheit mit der Gemeinde gewachsen: So wird der Werktagsgottesdienst bei den Karmelitinnen abgehalten, es gibt einen gemeinsamen Gebetskreis und einmal im Monat gestalten die Schwestern die Vesper für geistliche Berufe und Familien.
Anja Legge
Tipps und Fakten
Gottesdienste: Messe sonntags um 7.30 Uhr sowie werktags (außer Dienstag und Donnerstag) um 7.45 Uhr. Dienstag und Donnerstag Abendmesse um 19 Uhr. Vesper-Zeiten bitte im Kloster erfragen.
Besichtigung: Als kontemplativer Orden leben die Karmelitinnen in Klausur. Deshalb können Kloster und Hostienbäckerei nicht besichtigt werden. Dafür zeigen die Schwestern jedoch auf Wunsch ein kurzes, aber wunderschön aufbereitetes Video, in dem sie von ihrem Gebetsalltag und der Arbeit in der Hostienbäckerei erzählen. Anmeldung erforderlich (Telefon 09771/61280).
Kapelle: Die Kapelle ist immer offen für Besucher und Mitbeter.
Gästehaus: Für Gäste stehen sechs Einzelzimmer zur Verfügung, von denen eines auch als Doppelzimmer genutzt werden kann. Der Preis wird individuell vereinbart. Die Besucher können Vollverpflegung buchen oder sich in einer Teeküche selbst versorgen. Sie können in der Kapelle an allen Gebetszeiten und Gottesdiensten teilnehmen und auf Wunsch mit der einen oder anderen Schwester sprechen.
Kontakt: Karmelitinnenkloster Regina Pacis, Kirchweg 1, 97618 Rödelmaier Telefon 09771/61280. Telefax: 09771/612820 . Email karmel-roedelmaier@t-online.de
Wegbeschreibung: Bundesstraße 19 Bad Neustadt Richtung Mellrichstadt, Abzweigung Herschfeld. Am Kloster Regina Pacis gibt es keine Parkplätze, aber in der Umgebung.
Veröffentlicht: 03.06.2003
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