Das Würzburger Neumünster
Ehemalige Kollegiatsstiftskirche
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| Außenansicht des Würzburger Neumünsters. |
| Die Neumünsterkirche hebt sich wie eine Altarwand aus dem Kürschnerhof hervor. Im Westen – statt über der Vierung – wölbt sich ihre Laternen bekrönte Kuppel. Im Osten stellt sich der Bau als dreischiffige romanische Basilika dar. Nach dem Brand des ersten Doms 855 soll Bischof Arn (855 – 892) sie als Nachfolgebau über dem Grab der Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan errichtet haben. Lorenz Fries schreibt jedoch in seiner „Würzburger Chronik“, Bischof Bernward (990 – 995) habe am Ort des Martyriums ein Oratorium errichtet. Nach neueren Forschungen hat dagegen Bischof Megingoz (751 – 768) dort eine kleine Kirche zum Gedenken an die Märtyrer bauen lassen.
Zwischen 1058 und 1063 richtete Bischof Adalbero (1045 – 1063) ein Kollegiatsstift zu Ehren Mariens und aller Heiligen ein, genannt „Neumünster“, in das die Chorherren aus Sankt Peter, Paul und Stephan einzogen. Die Kirche selbst wurde um 1060 errichtet. Um 1188 wurde der Ostteil erweitert, 1550 entstand der im Nordwesten angefügte Einzelturm. Im 14. Jhdt. malte „Magister Arnold“ die Kirche aus und schmückte sie mit steinernen Bildwerken. Anfang des 17. Jhdts. begann eine langdauernde Restaurierungsphase. 1614 wird die Kirche eingewölbt, Voraussetzung für die spätere Barockisierung. 1711 bis 1716 baut Joseph Greising die Westpartie völlig neu auf und errichtet die neue Kiliansgruft. 1788 wird das gotische Chorgestühl klassizistisch umgestaltet. Nach weiteren Umgestaltungen im 19 Jhdt. und dem Wiederaufbau nach 1945 erhielt die Kirche 1983-85 eine neue Farbgebung, die auf das 17. Jhdt. zurückgreift. 1987 wurden Kiliansgruft und Kreuzaltar restauriert.
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| Kruzifix aus der Mitte des 14. Jahrhunderts im Würzburger Neumünster. |
| Im 15. Jhdt nahm die Kiliansverehrung Züge einer Heiltumsfahrt an und das Neumünster wurde Ziel von Wallfahrten. Die Figur Christi mit verschränkten Armen wurde zum Ende des Dreissigjährigen Krieges Mittelpunkt der Bruderschaft „Zu Ehren des sterbenden Erlösers“, die sich mit einer anderen Gemeinschaft zur „Kreuzbruderschaft“ zusammenschloss. Seit 1647 führt sie alljährlich die Kreuzbergwallfahrt durch, deren Ausgangs- und Endpunkt die Kirche ist.
Durch die Säkularisation ging die Stiftskirche 1802 in Staatsbesitz über und diente zeitweilig als Munitionsdepot. Das Stift wurde nach fast 750 Jahren aufgelöst. Bevor 1908 eine neu gegründete Pfarrei die Kirche in Besitz nahm, spielte sie im 19. Jhdt. als Nebenkirche des Doms nur eine geringe Rolle. Beim Luftangriff 1945 wurden alle Altäre, die Frankenapostelbüsten Tilman Riemenschneiders, das Orgelgehäuse Jacobs von der Auwera (1727/30), die Kanzel (Herbith/Schäfer 1757/58) sowie alle Dächer und der Kuppelraum vernichtet. Nach dem Wiederaufbau diente die Kirche 1950 bis 1967 als Kathedralkirche und wurde dann wieder Nebenkirche der Dompfarrei.
Hauptsehenswürdigkeit ist die Kiliansgruft von 1711. Auf dem frühgotischen Kiliansaltar (um 1250) steht der 1986/87 von Heinrich Gerhard Bücker in Bronze gegossene und Feuer vergoldete Kiliansschrein. Er wurde 1989 zum 1300jährigen Kiliansjubiläum von Bischof Paul-Werner Scheele gestiftet und enthält die Reliquien der Frankenapostel außer den Schädelreliquien. Sie befinden sich seit 1967 im Hauptaltar des Doms. Rechts davon steht der Kiliansbrunnen, im rechten Nebenraum der leere Sarg des Heiligen Kilian (8.Jhdt.). In der Gruft sind außerdem der Widerstandsbischof Matthias Ehrenfried (1924–1948) und der Märtyrerpriester Georg Häfner bestattet.
Im Kuppelraum der Oberkirche hängt ein früher viel verehrter Cruzifixus (um 1350): Christus hat die Arme vom Kreuz genommen und hält sie wie zur Umarmung vor sich. Die Geste geht auf eine Vision des Hl. Bernhard von Clairvaux sowie des Hl. Thomas von Aquin zurück. Vor dem Kruzifix betend, seien sie von Christus umarmt worden, der die Arme vom Kreuz nahm und zu ihnen sprach.
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| Die Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan im Würzburger Neumünster. Kopien nach Originalen von Tilmann Riemenschneider. |
| Hinter dem Hauptaltar befinden sich auf einer von Lothar Forster (1933-1992) geschaffenen dreiteiligen Stele die Büsten der Frankenapostel. Heinz Schiestl (1867-1940) hat sie 1910 getreu den damals noch vorhandenen Originalen (1508-1510) von Tilman Riemenschneider hergestellt. Riemenschneiders Bildwerke haben die Kiliansverehrung über die Jahrhunderte hinweg geprägt.
Nördlich der Kirche schließt der Kreuzgarten an, das „Lusamgärtlein“, in dem der Dichter Walther von der Vogelweide (+ um 1230) begraben sein soll. In seinem modernen Gedenkstein befinden sich Näpfe für Wasser und Körner, auf dass, dem Wunsche des Dichters gemäß, die Vögel an seinem Grab gefüttert werden mögen. Der Stein trägt den Vers Hugo von Trimbergs (um 1235 – um 1313) „Her Walther von der Vogelweide/swer des vergaeze, der taet mir leide“. Ein Denkmal für Walther befindet sich auch an der Schauseite des Neumünster am Kiliansplatz am südöstlichen Turmstumpf (Andreas Halbig (1807-1869), errichtet1843).
(Nach Hanswernfried Muth)
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