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6. Augustinus-Studientag

Augustinus: Bildung – Wissen – Weisheit

Freitag, 6. Juni 2008

Toscana-Saal der Würzburger Residenz

Dokumentation der Reden und Ansprachen


 

Begrüßungsrede

Von Bürgermeister Dr. Dr. h.c. Adolf Bauer, Vorsitzender des ZAF e.V.

Bürgermeister Dr. Dr. h.c. Adolf Bauer, Vorsitzender des ZAF e.V., begrüßt die Teilnehmer des Studientags.
Bürgermeister Dr. Dr. h.c. Adolf Bauer, Vorsitzender des ZAF e.V., begrüßt die Teilnehmer des Studientags.
Sehr geehrte Damen und Herren,

„Bildung, Bildung, Bildung“ - so hört man es derzeit landauf und landab tönen, gerade auch in der Politik. Und lassen Sie mich zunächst vollauf in den Appell einstimmen: Jawohl, Bildung ist in der Tat eine der wichtigsten Antworten auf die Herausforderungen unserer Gegenwart.

Wodurch ist diese Gegenwart gekennzeichnet? Wohl zum einen durch „Globalisierung“, zum anderen durch beschleunigte „Veränderung“ - und in beiden Hinsichten kann und muss vermehrte Bildung eine der entscheidenden Reaktionen sein.

Globalisierung, das heißt: Multiplikation und Vernetzung der Lebenswelten, ihrer Strukturen, ihrer Subjekte und ihrer Informationen. Wie anders aber könnte die Menschheit sich dieser Multiplikation und Vernetzung bewusst werden und wie anders könnte sie diese gestalten - wenn nicht durch wache Wahrnehmung, kluge Analyse und handlungsorientierte Durchdringung der neuen Informationsfülle - kurzum: durch „Bildung“!

Wenden wir uns dem zweiten genannten Merkmal der Gegenwart zu. Beschleunigte Veränderung, das heißt: Die Menschen sind mit einer ständig wechselnden Flut von Bildern, Daten, Meinungen und Aufgaben konfrontiert, mit denen sie sich als verantwortliche Wesen auseinandersetzen müssen - stets aufs neue. Welche anderen Werte und Haltungen aber sind in dieser Situation hilfreicher, ja notwendiger als diejenigen der Bildung und der ständigen Bildungsbereitschaft? Wie sonst könnten wir offensiv auf das Neue zugehen und es gestalten, ohne uns restlos im Neuen zu verlieren und jeder Orientierung verlustig zu gehen?

Sollen nun also neben der Politik auch noch die Geisteswissenschaften, sollen auch die Theologie, die Philosophie, die Philologie und die Pädagogik in das allgemeine Hohelied der Bildung einstimmen? Nicht zuletzt in ihrem ureigenen Interesse als Bildungsinstanzen und Bildungsinstitutionen?

Ich meine: ja und nein! „Ja“ in bezug auf eine grundsätzliche Anerkennung des Eigenwertes wie auch des funktional-gesellschaftlichen Wertes von Bildung. „Nein“ aber in bezug auf eine Vergötzung der Bildung, zumal, wenn diese als bloße Wissensanhäufung oder als bloße geschickte Anpassung des Homo sapiens an die soziologischen und ökonomischen Lebensverhältnisse verstanden wird. Wahre „Geistes-Wissenschaft“ sollte es, ihrem Namen und Anspruch entsprechend, nicht nur mit dem „Wissen“ und der „Wissenschaft“, sondern auch und in erster Linie mit dem „Geist“ zu tun haben. Für einen geisteswissenschaftlich durchdrungenen Bildungsbegriff hieße dies: Bildung ist mehr als bloßes Faktenwissen und Herrschaftswissen, sondern wahre Bildung heißt nicht zuletzt: „Werte-Bildung“, „Horizont-Bildung“, „Gewissens-Bildung“ und - lassen Sie mich diesen zu Unrecht belächelten Terminus verwenden -: „Herzens-Bildung“. Geisteswissenschaften vermögen es, in desorientierten Zeiten Orientierungswissen anzubieten, sie lehren uns in der Philologie, den Logos zu schätzen, in der Pädagogik, den Geist zu erziehen, in der Philosophie, die Liebe zur Weisheit zu entwickeln, und in der Theologie, den Geist sogar für das Göttliche wach zu halten.

Alle vier genannten Disziplinen sind heute über unsere fünf renommierten Referenten vertreten, die ich herzlich begrüßen darf. Sie werden uns helfen, unsere Bildungs-Euphorie zu schulen, zu qualifizieren und zu weiten: über krudes Fakten-Kennen hinaus, hin zu wahrem Wissen, und dies alles vor dem Horizont der Weisheit - eine Aufwärtsbewegung, die dem Bildungsverständnis und Bildungsprogramm Augustins folgt. Angesichts dieser Aktualität Augustins vermag es möglicherweise nicht einmal zu verwundern, auf welche Wurzeln das etymologische Wörterbuch das deutsche Wort „Bildung“ zurückführt: nämlich auf Meister Eckhardt, den ganz und gar augustinisch inspirierten, genialen Mystiker und Meisterdenker des Spätmittelalters. Er hat dieses Wort in die deutsche Sprache eingebracht, um damit sein Menschenbild bzw. das Menschenbild Augustins zum Ausdruck zu bringen: Der Mensch ist „Imago - Ab-Bild Gottes“, und sein Sinn und seine Lebensaufgabe ist es, dieses „Ab-Bild“ Gottes in sich selbst immer weiter zu formen und zu „bilden“.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen „bildungsreichen“ Augustinus-Studientag 2008.


Einführung in das Rahmenthema

Von Cornelius Petrus Mayer OSA, Wissenschaftlicher Leiter des ZAF e.V.

Prof. Dr. Cornelius Petrus Mayer OSA, wissenschaftlicher Leiter des ZAF, führt in das Rahmenthema 'Bildung - Wissen - Weisheit' ein.
Prof. Dr. Cornelius Petrus Mayer OSA, wissenschaftlicher Leiter des ZAF, führt in das Rahmenthema "Bildung - Wissen - Weisheit" ein.
Ließe man die Titel der Rahmenthemen unserer seit 2003 inszenierten Augustinus-Studientage Revue passieren – wir begannen mit der Bedeutung Augustins für die Gegenwart, es folgten die Würde und Rolle der Frau in der Spätantike (2004), die Aspekte der Ethik bei Augustinus (2005), Augustinus und die Politik (2006) und Augustinus: Recht und Gewalt (2007) –, so würde man die Aktualität der jeweils behandelten Themenfelder kaum in Frage stellen können.

Das Thema Bildung ist heutzutage nicht weniger aktuell, ja aktueller denn je. Es gibt kaum ein Medium, das sich seiner nicht annähme. So führt das Wochenblatt Die Zeit gegenwärtig ihre Leser «in 50 Wochen an 50 Orte, an aktuelle Brennpunkte wie an historische Stätten», um ihnen die Bedeutung der Bildung näher zu bringen. Die Gesellschaft durch Bildung zu verbessern, den Wohlstand und den Frieden durch Bildung zu schaffen und zu sichern, gehört auch zu den hehren Zielen der Tagespolitik.

Unser diesjähriges Rahmenthema drängte sich somit dem Lenkungsausschuss des Zentrums für Augustinus-Forschung e.V. förmlich auf, zumal Bildung – ‹eruditio› heißt sie beim Kirchenvater Augustinus – mit zu den zentralen Themen seines schriftstellerischen Schaffens zählt. Wie kaum ein Zweiter dürfte er das Denken des christlichen Abendlandes geprägt haben – zum Teil prägt er es immer noch.

Freilich standen bei Augustinus primär nicht sozialpolitische, geschweige denn wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund seiner Bildungskonzepte. Als Kind der christlichen Spätantike, verdankte er, von seinem beruflichen Werdegang als Lehrer der Grammatik und der Rhetorik abgesehen, seine eigene Bildung weithin der heidnischen Philosophie, zu deren platonischer Ausprägung er sich zeit seines Lebens bekannt hat.

Indes, auch als der große und einflussreiche (vielleicht sogar einflussreichste) Theologe der Kirche(n), der er nach seiner Bekehrung geworden ist, bewahrte er ein Grundvertrauen in die Kraft der Vernunft. Der Glaube zielt letzten Endes auf Einsicht: «Crede ut intellegas! – Glaube, um zu verstehen!», lautet eine charakteristische Sentenz von ihm. Und ein anderer, leider zu wenig beachteter Imperativ lautet: «Intellectum uero ualde ama! – Die Vernunft jedoch liebe über die Maßen!». Die Hl. Schrift selbst, so lehrte er, erfordere als Quelle des offenbarten Glaubens den Gebraucht der Vernunft, wenn sie richtig ausgelegt und recht verstanden werden soll.

Diese Verflechtung des Glaubens mit der Vernunft war in der frühen Kirche keine Selbstverständlichkeit. Erinnert sei an Tertullian, der im 2. aufs 3. Jahrhundert die provokative Frage stellte, was denn Jerusalem mit Athen zu tun habe, und der als sein Bekenntnis formulierte: «Credo quia absurdum – Ich glaube, weil es absurd ist». Eine weitest mögliche Durchdringung der Glaubenswahrheiten war hingegen das erklärte Ziel der den Glauben involvierenden Bildungskonzepte des Bischofs von Hippo.

In unserem Rahmenthema unseres Studientages bildet die Reihung der Begriffe Bildung – Wissen – Weisheit eine Klimax, eine Steigerung. Bildung zielt nach Augustinus wohl auf Mehrung von Wissen, damit ist aber ihr eigentliches Ziel, die Weisheit noch nicht erreicht. In der Bibel konnte der Kirchenvater lesen, der Anfang der Weisheit sei die Gottesfurcht und alle Weisheit komme vom Herrn. Eine religiöse Fundierung und Zuspitzung der Bildungsziele glaubte Augustinus auch bei den Platonikern wahrnehmen zu dürfen. Nichts kennzeichnet sein eigenes Bildungskonzept besser als sein Umgang mit dem paganenen Wissensstoff und dessen Indienstnahme für eine ‹doctrina christiana. Als ‹sapientia christiana› war ihr dann eine ‹longue durée› beschieden. ‹Distentio animae - Ausdehnung der Seele›, dieses terminologische Glanzsstück aus den Confessiones, gibt wohl aufs Treffendste das Bildungsziel Augustins wieder.

Die Referenten, denen ich jetzt schon für Ihre Beiträge danke, werden dies illustrieren. So wünsche ich Ihnen und mir einen informationsreichen und spannenden Studientag.


Schlusswort

Von Cornelius Petrus Mayer OSA, wissenschaftlicher Leiter des ZAF e.V.

Blick in den gut besetzten Toscana-Saal der Würzburger Residenz.
Blick in den gut besetzten Toscana-Saal der Würzburger Residenz.
Lassen Sie mich zum Schluss einen dreifachen Dank aussprechen:

Ich danke zunächst den Kollegen im Lenkungs-Ausschuss des Zentrums für Augustinus-Forschung e.V. Karl Mertens, Michael Erler und Burkard sowie meinen Mitarbeitern in diesem Zentrum für deren Anregungen sowohl bei der Wahl des Rahmenthemas Augustinus: Bildung – Wissen – Weisheit wie auch bei der Auswahl der Referentin und der Referenten.

Sodann danke ich Ihnen, den so zahlreich erschienenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an unserem diesjährigen Studientag auch im Namen des Zentrums. Natürlich freuen wir uns über Ihr Interesse, was uns anspornt, uns auch in den kommenden Jahren um ein attraktives Rahmenthema zu bemühen.

Danken will ich schließlich der Referentin und den Referenten. Die Bedeutung Augustins für die abendländische Kultur, die ja immer die Bildung zur Voraussetzung hatte und hat, dürfte aufgrund der aus verschiedenen Disziplinen vernommenen Referate und deren Diskussion klar geworden sein.

Der Kirchenvater, der bald nach seiner Bekehrung eine Enzyklopädie über die freien Wissenschaften zu schreiben plante, was er leider nur in Teilen in Angriff nahm, verlor das Thema Bildung nie aus den Augen. Allein mit seiner epochalen Schrift De doctrina christiana – Über die christliche Wissenschaft wies er den auf ihn folgenden Jahrhunderten des Mittelalters weithin die Konzepte und auch das Ziel der Bildung. Bildung, dies haben wir abschließend gehört, habe die Ausdehnung der Seele zum Ziel. Welch zeitloses Programm!

Ich wünschte Ihnen und mir einen informationsreichen und spannenden Studientag, sagte ich in der Einführung zu unserem Studientag. Dieser Wunsch, so meine ich, dürfte in Erfüllung gegangen sein.

Weiterführende Links

Weitere Fotos
Programm des Studientags 2008
Tagungsbericht