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Tagungsbericht

An der Schrift scheiden sich die Gebildeten

Würzburg: Der sechste Augustinus-Studientag rückt die spätantike Perspektive auf Wissen und Weisheit ins Blickfeld / Ein Bericht der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ vom 21. Juni 2008.

Von Regina Einig

Veranstalter und Referenten des Studientages. V.l.n.r.: Dr. Andreas E.J. Grote, Prof. Cornelius Mayer, Prof. Dominik Burkard, Prof. Michael Erler, Prof. Therese Fuhrer, Prof. Theodor Seidl, Prof. Robert Dodaro, Dr. Christof Müller, Bürgermeister Dr. Adolf Bauer.
Veranstalter und Referenten des Studientages. V.l.n.r.: Dr. Andreas E.J. Grote, Prof. Cornelius Mayer, Prof. Dominik Burkard, Prof. Michael Erler, Prof. Therese Fuhrer, Prof. Theodor Seidl, Prof. Robert Dodaro, Dr. Christof Müller, Bürgermeister Dr. Adolf Bauer.
Würzburg (DT)
Wofür lohnt es sich zu lernen? Wenn in einem säkularisierten Umfeld das Hohelied der Bildung angestimmt wird, hören Christen rasch falsche Untertöne heraus. Bloße Wissensanhäufung oder die geschickte Anpassung des Homo sapiens an die soziologischen und ökonomischen Lebensverhältnisse allein werden dem Menschen nicht gerecht. Zwischen den christlichern Denkern der Spätantike und den Suchenden heute ergeben sich in Bildungsfragen durchaus Schnittmengen. Der sechste Augustinus-Studientag in Würzburg setzte kürzlich mit teilweise hochkarätigen Beiträgen erfolgreich auf das Thema „Bildung – Wissen – Weisheit“ und lockte überdurchschnittlich viele junge Besucher in den Toscana-Saal der Residenz.

Würzburgs Bürgermeister Adolf Bauer, erster Vorsitzender des Vereins Zentrum für Augustinusforschung (ZAF), bekannte zum Auftakt sein Vertrauen in die Kraft der Geisteswissenschaften, die „in desorientierten Zeiten Orientierungswissen anzubieten vermögen“. Da Bildung mehr sei als Fakten- oder Herrschaftswissen, schließe der Begriff im umfassenden Sinn auch Werteerziehung, Gewissensbildung und „den zu Unrecht belächelten Terminus Herzensbildung“ ein. Den Geist für das Göttliche wachzuhalten ist unter dieser Prämisse weniger eine Frage des individuellen Geschmacks, als vielmehr eine christlicher Pflicht: In „De doctrina christiana“ (Über die christliche Wissenschaft) fordert der Kirchenlehrer Augustinus (354–430) die Gläubigen dazu auf, sich aus Nächstenliebe zu bilden. Als Kind der christlichen Spätantike verdankte Augustinus seine eigene Bildung weitgehend der heidnischen Philosophie platonischer Prägung.

Der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Augustinusforschung und Herausgeber des Augustinus-Lexikons, Cornelius Mayer OSA, erinnerte in seiner Einführung daran, dass der Bischof von Hippo auch bei den Platonikern eine religiöse Zuspitzung der Bildungsziele wahrnahm. Nichts kennzeichne Augustins Bildungskonzept besser als sein Umgang mit paganem Wissensstoff und dessen Einsatz für die Verbreitung des Christentums. Die treffende Kurzformel für das augustinische Bildungsziel verortete Mayer in den „Bekenntnissen“, in denen der Bischof von Hippo über die „Ausdehnung der Seele“ schreibt – ein zeitloses Programm.

Welche Rolle der Zeitfaktor für dieses Bildungsverständnis spielt, erläuterte Andreas Dörpinghaus (Würzburg). Er gab zu bedenken, dass Bildungsprozesse möglicherweise einem anderen Verständnis von Zeit unterliegen als dem im gegenwärtigen ökonomischen Kontext gängigen. Weder Zeit als solche noch Bildung seien zu „managen“, so Dörpinghaus. Für Augustinus sowie die Vormoderne insgesamt sei die Vorstellung, Zeit sei dem Menschen verfügbar, schlichtweg absurd gewesen. Augustinus schreibe der Zeit Sein zu. Nur Gott umfasse dieses Sein von Anfang bis zum Ende – er allein sei Herr der Zeiten. Dem Menschen kommt dies nicht zu, und gerade darin wird die schlichte Unverfügbarkeit der Zeit für die Geschöpfe deutlich. „Die Zeit des Menschen ist lediglich eine Ausdehnung der Seele in der Gegenwart“, so der Referent.

Die zeitliche Struktur der reflexiven Seelentätigkeit in der Ausdehnung der Seele, die Dörpinghaus mit dem Gedanken der Verzögerung in Zusammenhang brachte, lasse keine lineare oder ökonomische Zeitgliederung zu, sondern benötigt geradezu ein aufmerksames ,sich verlieren in der Zeit‘, um Bildungsprozesse zu ermöglichen und darin das eigene Leben zu gestalten. Damit sei aber keineswegs Müßiggang gemeint, sondern Wachheit gegenüber der eigenen Wahrnehmung, dem eigenen Denken und Handeln – also etwas, für das in der pädagogischen Tradition der Gedanke einer mündigen Lebensführung steht.

Mit „De doctrina christiana“ schuf Augustinus den Leitfaden eines christlichen Bildungskonzepts. Therese Fuhrer von der Freien Universität Berlin stellte der traditionellen Rezeption des Werks als Lehrbuch der christlichen Bildung die jüngsten Forschungen gegenüber: Die Schrift sei „eine systematische Anleitung zum Lesen und Interpretieren des Bibeltexts“ und liefere eine Theorie der Exegese. Nicht Bildung schlechthin sei demnach Gegenstand von „De doctrina christiana“, sondern jene Bildung, die Christen zum Umgang mit der Heiligen Schrift qualifiziere. Dabei vertrete der Kirchenvater eine durchweg utilitaristische Position: Bildung sei per se weder gut noch schlecht und solle immer zielgerichtet vermittelt werden.

Allerdings habe der Kirchenvater zwei Arten von Bildung unterschieden: die von Menschen eingerichteten Dinge (Stenographie, Sprachkenntnisse, Sterndeutung, Wahrsagerei, Malerei, Bildhauerei, Tanz und fiktionale Literatur) sowie die von Gott geschaffenen. Zu letzteren gehören die Naturwissenschaften sowie Geschichtsschreibung, Dialektik, Philosophie, Rhetorik, Logik und Mathematik an. Alle Wissensdisziplinen, die außerhalb der Kirche vermittelt wurden, sollte die lerneifrige und gottesfürchtige Jugend kritisch beurteilen und unter Umständen sogar meiden, so die Auffassung Augustins, der alle Disziplinen einem einzigen Nützlichkeitskriterium unterwarf: der Frage ihrer unmittelbaren Relevanz für das Verständnis der Heiligen Schrift. Fuhrer zitierte Augustins Vergleich zwischen Christen, die pagane Bildung anwenden, und den Israeliten, die auf Geheiß Gottes das Gold der Ägypter beim Auszug aus der Knechtschaft mitnahmen. Der Christ wählt Augustinus zufolge aus dem Kanon der paganen Bildung aus, was ihm für seine Zwecke nützt und der Wahrheit dient, und muss heidnische Bildungsgüter von den Heiden einfordern, weil diese als „unrechtmäßige Besitzer“ nicht zum adäquaten Umgang mit ihren Gütern imstande sind. Erst Christen haben mit der Verkündigung des Evangeliums die Möglichkeit, Entdeckungen von Heiden angemessen zu nutzen. Diese Auffassung schließt die Aussagen der Platoniker mit ein, da sie Wahres über den christlichen Glauben formuliert haben. Der Begriff des gerechten Gebrauchs, so Fuhrer, stehe im Kontext der Rechtfertigung des Vorgehens der Christen bei der Übernahme paganer Bildung. Ein zeitgeschichtlich bedingter Ansatz des Kirchenlehrers, der Ende des vierten Jahrhunderts gegen Bemühungen zu kämpfen hatte, Christen den Gebrauch des paganen Bildungswissens zu verbieten. Ausdrücklich erwähnt Augustin das Rhetorenedikt Julians (362). Es sollte Christen die Möglichkeit, zu unterrichten, nehmen, indem es einem Lehrer verbot, Stoff zu vermitteln, an dessen Inhalt er selbst nicht glaubte. Augustins Rechtfertigung des christlichen Gebrauchs paganer Bildungstraditionen wäre folglich auch als Antwort auf Ausgrenzungsversuche gegenüber Christen zu verstehen. Fuhrer interpretierte die Formulierung „gerechter Gebrauch“ auch im Sinn des doppelten Liebesgebots jedes Christen gegenüber Gott und den Menschen. Wissen und Bildung zur Verkündigung des Evangeliums einzusetzen entspreche nach Augustins Maßstäben dem „gerechten Gebrauch“: Der Gebildete lasse seinem Mitmenschen Gerechtigkeit widerfahren, indem er sein Glaubenswissen mit ihm teilt. Damit beschränkt sich Bildung für den Christen nicht nur auf die persönliche Wissensvermehrung, sondern wird zu einem Akt der Nächstenliebe.

Wie Augustinus selbst paganes Bildungswissen für die Verbreitung der christlichen Lehre anwendete, veranschaulichte Michael Erler von der Universität Würzburg an einer Passage aus der Schrift „De consensu evangelistarum“. Darin zitiert der Kirchenvater Sokrates, um den Monotheismus zu rechtfertigen – und scheut sich nicht, ein Orakel zu erwähnen, demzufolge die Heiden den griechischen Philosophen als weisesten der Menschen ansähen. Mit dem Grundsatz des Sokrates, „dass ein jeder Gott so verehrt werden müsse, wie dieser selbst vorgeschrieben habe, dass er verehrt werden soll“, argumentiert Augustinus, der Gott der Hebräer dürfe von Heiden nicht verehrt werden. Würden sie ihn auf andere Weise verehren als er verlangt und als einen unter mehreren Göttern betrachten, dann gälte die Verehrung nicht Gott selbst, sondern lediglich einer Fehlvorstellung von ihm. Eine aus christlicher Sicht würdige Gottesverehrung schließt Augustinus zufolge andere Gottheiten aus. Aus Angst, die falschen Götter zu beleidigen, ignorierten die Heiden den Gott der Hebräer. Dabei übersähen sie, dass der Wille dieses Gottes, ihre Tempel zu zerstören, größere Macht habe, als ihr Wille, ihn nicht zu verehren.

Erler zufolge spielt Augustinus mit der Zuspitzung der Alternative „viele Götter – ein Gott“ Sokrates’ Aussage argumentativ geschickt sowohl gegen den römischen als auch den philosophisch-platonischen Polytheismus aus, denn die Götterhierarchie der Heiden sei kein Polytheismus, sondern mit einer Art „weichem Monotheismus“ durchaus vereinbar gewesen. Das Bild des Sokrates als eines an eine göttliche Instanz gebundenen Lehrers, der Platon zufolge seine philosophische Methode den Göttern verdankt, erleichtert es Augustinus, ihn als theologischen Lehrer heranzuziehen.

Als Modell eines Christentums, das sich affirmativ auf das hellenistische Bildungsgut bezieht, stellte Andreas Speer (Köln) den Kirchenvater in einem brillanten Beitrag dar. Augustinus könne angesichts der begrenzten Weisheitskompetenz der Philosophie als zu glauben und zu lehren festhalten, dass die Philosophie – das Streben nach Weisheit – nichts anderes sei als Religion. Ein doktrineller Irrtum könne folglich auch zum Ausschluss von den Sakramenten führen. Die wahre Religion sei für Augustinus zum Maßstab einer wahren Philosophie geworden. In „De Trinitate“ bestimme er natürliche Theologie neu, indem er die ursprüngliche Wortbedeutung menschlicher Weisheit als wahren und vorzüglichen Gottesdienst definiere. Wissen, das nicht auf das Erreichen des ewigen Ziels ausgerichtet ist, fällt für den Bischof von Hippo nicht in die Kategorie Weisheit. Denn weise ist, wer ewige und göttliche Dinge erfasst.

Näheres unter www.augustinus.de

Wir danken dem J.W. Naumann-Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.

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