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Die Gnade formt das Gewissen des Politikers

Der Würzburger Augustinus-Studientag 2006 befasste sich mit dem Verhältnis des Kirchenvaters zur Politik


Regina Einig

(DT vom 29.06.2006)


Der vierte Würzburger Augustinus-Studientag setzte sich am vergangenen Samstag mit dem Thema "Augustinus und die Politik" auseinander. Der Vorsitzende des Vereins Zentrum für Augustinus-Forschung (ZAF) und Würzburger Bürgermeister Adolf Bauer erinnerte in seiner Begrüßungsansprache noch einmal an die erfolgreiche Anbindung des ZAF an die Julius- Maximilians-Universität und dankte den Referenten und den Mitgliedern des Augustinerordens für die Vorbereitung des Studientages. An der Veranstaltung, die Bauer zufolge zum Kernbestand der gemeinsamen Aktivitäten von ZAF und Universität gehört, beteiligten sich Lehrstuhlinhaber aus Würzburg, Heidelberg und Rom. Die Einführung in das Rahmenthema übernahm der Leiter des ZAF, Professor Cornelius Petrus Mayer OSA.

Würzburg (DT) Das Verhältnis von Christentum und Politik erscheint auf den ersten Blick als derart komplex, dass es nur epochenweise umrissen werden kann. Gilt es, diese Zuordnung mit Blick auf die Spätantike vorzunehmen, liefern die Schriften des heiligen Kirchenvaters Augustinus unerlässliche Orientierungspunkte zum Verständnis des politischen Bewusstseins jener Zeit. Die Fülle der augustinischen Texte, unter denen das Werk "De civitate Dei" herausragt, verraten den umfassend gebildeten Gelehrten, der sich Platons Lehre verpflichtet wusste. Für Augustinus war die ideale politische Ordnung das Abbild einer transzendenten, unveränderlichen Ordnung. Bis heute vertreten Wissenschaftler die Auffassung, Augustinus habe sich 386 eher zum Neuplatonismus als zum Christentum bekehrt. Der Bischof von Hippo selbst machte aus einer Affinität zur Philosophie der Platoniker keinen Hehl und nannte sie kurz und bündig "nostra philosophia". Dass die Thesen des Kirchenlehrers den Christen unserer Epoche jedoch nicht so fremd sind, wie es die zeitliche Distanz möglicherweise vermuten ließe, bewies der Kernvortrag des Studientages von Professor Robert Dodaro OSA, Präsident des Istituto Patristico Augustinianum in Rom. Er verwies auf die Briefe des Bischofs von Hippo an den römischen Prokonsul Macedonius in Afrika und ihre auch heute aktuelle Auseinandersetzung mit der Frage nach der Legitimität der Todesstrafe. Dodaros These, Augustinus habe erstmals eine Theorie des politischen Gewissens entwickelt, stützt sich auf zahlreiche Textstellen des Briefwechsels, in denen der Bischof von Hippo versucht, die Kategorien des Neuen Testaments im Gewissen seines Briefpartners zu verankern. Der Einzelne soll den eigenen ethischen Horizont durch Gottes Liebe erweitern lassen und sich auf diese Weise von einem auf zeitliche Güter eingeengten Blickfeld lösen. Der Verzicht Augustins auf einen Leitfaden für Einzelfälle zeigt einerseits, dass er Politiker nicht als weltlichen Arm der kirchlichen Autorität betrachtete: Aus Dodaros Sicht zeigt gerade der Briefwechsel mit Macedonius, dass es dem Bischof von Hippo gänzlich fernlag, doktrinelle Antworten auf soziale oder politische Fragen zu geben. Statt moralischem Dogmatismus oder Relativismus liegt der Akzent auf der Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen. Die Gnade soll das autonome Gewissen des Politikers formen, nicht die kirchliche Autorität. Macedonius stellt sich daher die Aufgabe, selbst zu beurteilen, wie er sein Amt im Geist des Evangeliums ausüben soll und die Vorgaben der Heiligen Schrift, ihre Forderungen nach Liebe, Barmherzigkeit und Versöhnung in die berufliche Praxis übertragen kann. Andererseits ist Augustins eigene Haltung gegenüber der Todesstrafe durchaus ambivalent: Sein Appell um Gnade für einen Verurteilten beruht nicht auf grundsätzlicher Ablehnung, im Gegenteil: als effizientes Abschreckungsmittel zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung billigt er sie grundsätzlich und befürwortet sie in anderen Fälle sogar mit Nachdruck. Differenziert legte Dodaro das augustinische Tugendverständnis dar: Tugenden wie Gerechtigkeit und Klugheit kann nur der Tugendhafte erfassen. Der christliche Politiker hat die Pflicht, seine Aufmerksamkeit der Liebe Gottes zuzuwenden, um sich von Christi Tugenden gleichsam durchdringen zu lassen. Weise ist nach Augustinus nur derjenige, der Gottes Liebe über alles stellt. Durch Christi Beispiel weise und gerecht zu werden ist demnach das Ideal des christlichen Politikers. Nach augustinischer Lehre ändert der Blick auf den ewigen Gott zwangsläufig die menschliche Perspektive auf das Irdische. Erst dieser Wandel macht den Christen im Grunde wirklich regierungsfähig. Prioritäten in der Politik zu setzen bedeutet für Augustinus, dem ewigen Heil Vorrang vor zeitlich begrenzten Gütern zu geben. Irdisches Glück kann folglich nicht als politisches Ziel an sich gelten. Vielmehr stellt sich dem Politiker die zentrale Aufgabe, seine Untergebenen in der Liebe zu Gott zu bestärken. Ohne das konventionelle Bild von politischen Tugenden umzukehren, geht Augustinus davon aus, dass sich das Verhältnis christlicher Politiker zu den zeitlichen, durchaus förderungswürdigen Gütern wandeln wird, wenn ihnen bewusst ist, worauf Tugend eigentlich abzielt. Mit Blick auf die legitime Selbstverteidigung gegen drohende Gefahren stellte der Präsident des Augustinianums eine alternative soziale Ordnung anhand von Zitaten aus den Schriften des Kirchenlehrers vor. Gegner durch Güte zu überzeugen und im Zweifelsfall wirtschaftliche und militärische Vorteile - auch die eigene Unversehrtheit zu opfern ist die eine Seite dieser alternativen Ordnung. Auf der anderen Seite schließt sie militärisches Eingreifen nicht aus. Nur sollte die Gesinnung im Kampf sich im Verzicht auf Rache und Vergeltung zeigen. Militärische Aktionen als Mittel, den Angreifer an der Gewalttat zu hindern, sind Augustinus zufolge legitim. Die Teilnehmer des Studientags konnten dem didaktisch brillanten Vortrag des Redners entnehmen, dass die Sichtweise des Bischofs von Hippo berechtigte Fragen an die Politiker der Gegenwart aufwirft. Weil Politik für einen Christen nie das Letzte, sondern stets nur das Vorletzte sein darf, reichen bürgerliche Tugenden nicht aus, um das wahre Glück als eigentliches Ziel aller Politik zu erreichen und zu sichern. Dies erreicht der Christ nur mit Hilfe der theologischen Tugenden, des Glaubens, der Hoffnung und allen voran der Liebe. Parallelen zwischen Platons Lehre von der Bedeutung der Gerechtigkeit als Fundament der Politik und der Lehre des heiligen Augustinus sind daher nur mit Einschränkung zulässig. Wie gravierend sich das Streben nach Tugend von Christen und Nichtchristen unterscheidet, legte der Würzburger Professor Michael Erler dar. Vor allem der Friedensbegriff sei bei Augustinus nicht von der jenseitigen Welt zu trennen. Zwar habe der Kirchenvater in "De civitas Dei" kein politisches Konzept vorgelegt, doch gebe seine Friedenstheorie ausreichend Aufschluss über seine Sicht der Politik, um ihn von seinen Vorgängern im Bereich der paganen Philosophie - auch den Sophistikern - abgrenzen zu können. Friede ist für den Kirchenvater mehr als die Abwesenheit von militärischer Bedrohung, wahrer Frieden bleibt dem Jenseits vorbehalten. Da das Streben nach Frieden allen Menschen gemeinsam sei, könne Frieden als Ziel der menschlichen Gemeinschaft vorausgesetzt werden, auch wenn die Vorstellungen von Frieden unterschiedlich sind. Erler ging auch der pikanten Frage nach der Schnittmenge zwischen der Lehre Augustins und jener Epikurs nach. Beide, so seine Schlussfolgerung, betrachten den Vertrag als Mittel um das natürliche Streben des Menschen nach Frieden beziehungsweise Genuss zu fördern. Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner zwischen Augustinus und Epikur führte die Teilnehmer zu einer angeregte Diskussion, die Christoph Müller moderierte. Der Neutestamentler Bernhard Heininger und der Historiker Adolf Martin Ritter beleuchteten in ihren Vorträgen über die politische Theologie im Markus-Evangelium (Heininger) und das Verhältnis von Religion und Politik im frühchristlichen Denken bis zu Augustinus (Ritter) das historische und politische Umfeld der Christen in der Antike. Der Heidelberger Historiker Jürgen Miethke versuchte, in seinem Beitrag über die Augustinereremiten anhand der Schriften des Aegidius Romanus und anderer Vertreter der Augustinerschule nachzuweisen, dass sich der Orden im späten Mittelalter von den Positionen des heiligen Kirchenvaters weit entfernt habe. Miethkes knappes Urteil über die Augustinereremiten jener Zeit: "brave Papalisten", die zum politischen Instrument der Kurie geworden seien, um den universalen Herrschaftsanspruch des Papstes ideologisch zu untermauern. Rege Gespräche nach den einzelnen Beiträgen zeigten, wie tief der Spannungsbogen des augustinischen Denkens in die Gegenwart hineinreicht.