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Compelle intrare

Dieser Artikel wurde dem beim Schwabe-Verlag in Basel erscheinenden Augustinus-Lexikon 1 (1986-1994) 1084-1085 entnommen. Dieses weltweit renommierte und auf rund 1.200 Stichwörter geplante Lexikon bietet umfassende Informationen zu Augustins Leben, Lehre und Werk.

Auch zu «cog(it)e intrare» variiertes, Lc 14,23 als Übersetzung des anankason eiselthein im Gleichnis vom großen Gastmahl entnommenes Zitat [1], das A. als Aufforderung zur Gewaltanwendung versteht und neben anderen Argumenten als Beleg zur Billigung von Gewaltmaßnahmen gegen Häretiker verwendet [2]. Nach anfänglicher Ablehnung von Gewalt haben die nicht abreißenden Greuel der donatistischen Kontroverse (->Donatistae) A. im Bemühen um Kircheneinheit veranlaßt [3], doch den durch die kaiserliche Gesetzgebung vorgesehenen staatlichen Zwangsmaßnahmen zuzustimmen. Die Belege erscheinen sämtlich in gegen die Donatisten gerichteten Schriften [4], einsetzend mit ep. 93,5 («putas neminem debere cogi ad iustitiam ...») (zwischen 407 und 410), dann ep. 173,10 (2mal), ->De correctione Donatistarum (= ep. 185) 24 (2mal), ep. 208,7, ->Contra Gaudentium Donatistarum episcopum 1,28, s. 112,8 (4mal) [5]. Das von A. als erstem, doch nicht häufig verwendete Zitat hatte für die Ketzerbekämpfung in Mittelalter und Neuzeit verheerende Wirkung.

Anmerkungen. - [1] <Coge> neben <compelle> Variante der Vet. lat. (nicht der Vulg.), der Mt 22,9 nachgebildete Plural nur in der Sekundärüberlieferung. - [2] Anangkazeins Bedeutung des reicht von dringender Einladung bis zum physischen Zwang, dem freilich der Zusammenhang widerspricht (cf. auch Mt 22,9), <dringende Einladung> hier wie Mt 14,22; Mc 6,45. Zur Erläuterung derartiger Einladung («nötige (sie), hereinzukommen») cf. GRUNDMANN 300. - [3] Zu A.s anfänglicher Haltung cf. z.B. ep. 23,6sq.; ib. 93,17; correct. 25 und retr. 2,5. Durch das Edikt von 405 (Cod. Theod. 16,5,38) werden die Donatisten zu Häretikern (bekräftigend die ->Conlatio Carthaginiensis 411). Zur <coercitio> und dem Problem staatlicher Zwangsmaßnahmen cf. BROWN; GRASMÜCK; SCHREINER, Duldsamkeit 165-175; id., Toleranz 452sq.; LAMIRANDE, Coercitio. - [4] Zur Beurteilung der Stellen cf. besonders LAMIRANDE, Church 51-58. - Cf. auch in der Argumentation A.s die Aneignung von <compellere> bzw. <cogere intrare> als Junktur an beinahe allen folgenden Stellen, cf. z.B. correct. 25.46; c. Gaud. 1,28. - [5] Angeführt außer in Briefen (ep. 208 mit donatistischem Hintergrund wenigstens) in einem bzw. zwei Traktaten und bisher einer einzigen Predigt (über das betreffende Gleichnis; auch nicht s. Dolbeau 2.27), mit Ausnahme von ep. 93 (nach dem Edikt von 405) alle Belege erst nach der Conlatio Carthaginiensis von 411 und außerdem nicht in Schriften zitiert, die mit jenem Religionsgespräch zusammenhängen.

Bibliographie. - P. BROWN, St. Augustine's Attitude to Religious Coercion: Religion and Society in the Age of Saint Augustine, London 1972, 260-278 (JRS 54 (1964) 107-116). - E.L. GRASMÜCK, Coercitio. Staat und Kirche im Donatistenstreit, Bonn 1964. - W. GRUNDMANN, Das Evangelium nach Lukas, Berlin 101984. - R. JOLY, Origines et évolution de l'intolérance catholique, Bruxelles 1986, 49-58. - E. LAMIRANDE, Church, State and Toleration. An Intriguing Change of Mind in Augustine, Villanova, Pa. 1975. - Id., Coercitio: AL 1 (1986sqq.) 1038-1046. - K. SCHREINER, «Duldsamkeit» (tolerantia) oder «Schrecken» (terror). Reaktionsformen auf Abweichungen von der religiösen Norm, untersucht und dargestellt am Beispiel des augustinischen Toleranz- und Gewaltkonzeptes und dessen Rezeption im Mittelalter und in der frühen Neuzeit: Religiöse Devianz. Untersuchungen zu sozialen, rechtlichen und theologischen Reaktionen auf religiöse Abweichung im westlichen und östlichen Mittelalter, Frankfurt/M. 1990, 159-210. - Id., Toleranz: Geschichtliche Grundbegriffe 6, Stuttgart 1990, 445-494.524-605, besonders 452sq.467 - M. SPANNEUT, Saint Augustin et la violence: StMor 28 (1990) 79-113. - J. SPEIGL, Der Ökumenismus Augustins zwischen Anpassung und Distanz zum Staat: Aug(L) 43 (1993) 5-25.

KARL HEINZ CHELIUS

 
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