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In piam memoriam Erich Feldmann

Am 27. 12. 1998 verschied in Folge einer lange währenden Herzinsuffizienz Prof. Dr. theol. Erich Feldmann, Mitglied im Herausgebergremium des Augustinus-Lexikons von Anfang an. Schwerpunkt seiner Forschungen waren die Confessiones Augustins. Als deren ausgewiesenster Kenner verfocht er die These von der protreptischen Zielsetzung dieses epochalen Werkes der abendländischen Literaturgeschichte. Die Confessiones seien eine Werbeschrift; sie verarbeiteten lediglich autobiographische Stoffe und stellten diese in den Dienst der christlichen Verkündigung. Mit dem gleichnamigen magistralen Artikel im Augustinus-Lexikon trug er zu dessen Ansehen in der Fachwelt nicht wenig bei.

Auf seiner Todesanzeige steht der Satz aus einer exponierten Stelle der Confessiones: «Erkennen will ich dich Gott, der du mich erkennst, erkennen will ich dich, so wie ich erkannt bin. Du Kraft meiner Seele, tritt in sie ein und bereite sie für dich, dass du sie hältst und besitzt, ohne Makel und Runzel. Dies ist meine Hoffnung» (10,1). Diese Hoffnung möge an ihm in Erfüllung gegangen sein.

Cornelius Mayer

 

 

TRAUERFEIER FÜR ERICH FELDMANN AM 31.12.1998

Cornelius Petrus Mayer OSA

Verehrte Trauergemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!

Das frühe Christentum hat - abgesehen von den Schriften des Neuen Testamentes - nur ein einziges Buch hervorgebracht, das sowohl seinem Gehalt wie auch seiner künstlerischen Form nach ‹Weltliteratur› im strengen Sinn des Wortes geworden ist: die Confessiones, die Bekenntnisse des hl. Augustinus.

Es sind genau 1600 Jahre her, daß dieses Werk entstanden ist. Ungezählte Leserinnen und Leser schöpften seitdem Impulse daraus für ihr christliches Leben. Gegen Ende seines Lebens bemerkte Augustinus, mit seinen Confessiones habe er die Leidenschaft des Menschen für Gott wecken wollen. Dies habe er selbst erfahren, als er sie schrieb, und er erfahre dies immer noch, so oft er sie lese. Gleiches hätten ihm viele seiner Zeitgenossen berichtet.

Wer immer die augustinischen Confessiones zur Hand nimmt und sich in sie vertieft, dem kann nicht entgehen, daß ihr Verfasser in den Büchern 1-10 von seinem Leben bis zu seiner Bekehrung zum Katholizismus als Höhepunkt sowie von seinen geistlichen Erfahrungen als Mitvierziger erzählt. Die davon scheinbar getrennten Bücher 11-13 bringen hingegen eine theologische Abhandlung über den biblischen Schöpfungsbericht.

Was verfolgte der große Kirchenvater mit diesen offensichtlich ungleichartigen, von Wissenschaftlern nicht selten unvereinbar gehaltenen Teilen? Zahlreiche Aufsätze und Bücher, ja ganze Bibliotheken beschäftigten sich mit dieser Frage. Es war das Verdienst von Erich Feldmann, Klarheit in diesen schon hundert Jahre währenden Disput über die literarische Einheit der Confessiones gebracht zu haben. Wann und wo immer man sich in Zukunft wissenschaftlich zu diesem glänzendsten, aber auch sonderbarsten Werk des hl. Augustinus äußern wird, wird man auch auf das Schrifttum Erich Feldmanns stoßen, das dem interessierten Leser einen zuverlässigen Schlüssel zum rechten Verständnis der Confessiones liefert.

Der Verstorbene hat mit seinen Veröffentlichungen zu diesem Thema nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Kirche einen unschätzbaren Dienst erwiesen, denn nach wie vor gehören die Confessiones Augustins mit zu den werbewirksamsten Schriften der christlichen Glaubensgemeinschaft. Augustinus selbst tadelt darin jene Leser, die sich nur aus purer Neugier, sozusagen versessen auf seine gewiß nicht uninteressante Biographie seinen Confessiones zuwenden. «Voller Neugier», so schreibt er im 10. Buch, «ist dieses Geschlecht, das Leben anderer zu ergründen, voller Lässigkeit, das eigene zu bessern. Was suchen sie von mir zu hören, wer ich bin, da sie von dir nicht hören wollen, wer sie selber sind? Und woher wissen sie, wenn sie von mir selber über mich selber hören, ob ich die Wahrheit rede, da keine Menschenseele ‹weiß, was drin im Menschen vorgeht, als nur des Menschen Geist, der in ihm selber ist›? Wenn sie aber von dir über sich selber hören, so können sie nicht sagen: es lügt der Herr. Denn was andres ist's, von dir über sich selbst zu hören als sich selbst erkennen»?

Menschen, die am Materiellen hängen, werden Augustins Bekenntnisse nicht viel geben können. Auch dort, wo sie nur literarisch bewundert bleiben, werden sie ihren Zweck verfehlen. Gleich der Bibel sind sie ein Buch, das ans Gewissen rührt und aufrüttelt. Manchem wurden sie zu einem Lebensbuch wie Friedrich von Hügel, der 1919 an seine Nichte schrieb: «Ich kann den Gewinn gar nicht übertreiben, den Du haben wirst, wenn Du dich jahrelang von den ‹Bekenntnissen› nährst. Sie haben mich mehr als jedes andere Buch, mit Ausnahme der Evangelien und der Psalmen, gebildet – und ich glaube, sie werden Dich bilden, jede Faser Deines Geistes und Deines Herzens färben und durchdringen».

Diese Sätze könnten auch von Erich Feldmann stammen. In dem erst im November dieses Jahres erschienenen stattlichen Sammelband, Die Confessiones des Augustinus von Hippo, wurde er als ausgewiesenster Kenner gebeten, die Einleitung zu schreiben. Darin hatte er nochmals meisterhaft dargelegt, was Augustinus eigentlich mit dieser epochalen Schrift als Ziel verfolgte. Ich beziehe mich im folgenden auf diese seine letzten Ausführungen.

Der hl. Augustinus war gewiß ein großer Gelehrter, aber als er seine Confessiones zu schreiben begann, war er bereits Bischof der katholischen Kirche in Hippo, einer Stadt in Nordafrika, dazu der wohl angesehenste Theologe und Schriftsteller seiner Zeit, gerade als solcher aber war er allem voran Seelsorger. Überaus deutlich nahm er die Gefährdungen wahr, die den christlichen Glauben von allen Seiten bedrohten: Das Heidentum war noch lebendig, seine Schulen existierten noch. Die Manichäer, eine Sekte mit einer Vorstellung von Gott und Welt, die sich verhängnisvoll auf die Gesellschaft auswirkte, missionierten immer noch in Nordafrika – Augustin selbst war 9 Jahre lang ihr Anhänger. Die Neuplatoniker, sonst durchweg ernst zu nehmende Philosophen, hielten die christliche Erlösungslehre, das Herzstück der neutestamentlichen Verkündigung, für ein Märchen. Gegen all diese Gefährdungen galt es den Glaubenden, speziell den intellektuellen, wirksam zu wappnen. Wie war solches zu bewerkstelligen? Durch eine Werbeschrift vom Format der Confessiones. Diese sind eben nach den Forschungen Erich Feldmanns keine Autobiographie, sie verarbeiten lediglich autobiographische Stoffe und stellen diese in den Dienst der christlichen Verkündigung.

Wie Augustinus darin berichtet, lernte er mit 19 Jahren eine Schrift Ciceros kennen, mit welcher jener berühmte römische Philosoph und Schriftsteller seine gebildeten Mitbürger für die Philosophie zu begeistern versuchte. «Jenes Buch nun, ... Hortensius betitelt», heißt es da wörtlich, «führte eine geistige Wende in mir herbei. Es lenkte auf dich, Herr, meine Gebete und gab meinem Wünschen und Sehnen eine ganz neue Richtung. Zunichte wurde mir mit einemmal alle eitle Hoffnung, und mit unglaublicher Heftigkeit erglühte mein Herz nach unvergänglicher Weisheit, und ich begann mich zu erheben, um zu dir zurückzukehren». Aber diese Rückkehr, das ist das erregende Thema der Confessiones, bewirkte nicht die Philosophie, sondern der Augustin, gleich dem verlorenen Sohn nach der Parabel im Lukasevangelium, nachgehende bzw. diesem vorauseilende Vatergott.

Vermochte schon eine Werbeschrift für die Philosophie in aufmerksamen Lesern solche Begeisterung für das Kennen- und Liebenlernen der letztlich mit Gott identischen Weisheit auszulösen, sollte dazu die christliche Offenbarungslehre mit ihrer zentralen Botschaft von Gott dem Schöpfer und Erlöser der Welt nicht imstande sein? Gleich im ersten Satz formuliert Augustin kunstvoll anhand der Psalmen: «Groß bist du, Herr, und gar sehr zu loben. Groß ist deine Macht, und deine Weisheit ist unermeßlich». Damit ist gleichsam der Rahmen abgesteckt für Gottes Heilshandeln in der Zeit. Denn alles, was sich da schon ereignet hatte, angefangen von der Schöpfung, gipfelnd in der Menschwerdung und im Erlösungswerk Christi, und auch, was da noch an der Vollendung der Schöpfung aussteht, konnte und kann nur geschehen, weil Gott groß ist.

Minutiös zeichnen die Confessiones die Irrwege ihres Verfassers nach und zeigen darin, wie Gott, auch auf krummen Zeilen gerade schreibend, den Menschen auf den Weg führt, der Christus selber ist. Auf ihm allein will Augustin – und soll mit ihm jeder Christ - ‹pilgern›. Im Rückblick auf die zum Teil breiten Schilderungen seiner Irrwege vor seiner Bekehrung bemerkt der Bischof: «Denn die Bekenntnisse meiner vergangenen Sünden, die du vergeben ... hast, um mich in dir zu beglücken, ... erwecken im Leser das Herz, damit es sich nicht in Verzweiflung schlafen lege und sage: ‹Ich kann nicht›».

Wer für das Christentum wirbt, der wird es nicht unterlassen können, die Tiefe der Gedanken sowie deren sprachliche Schönheit in der Bibel aufzuzeigen. Weil der junge Augustinus als Manichäer für die Schöpfungsgeschichte der Bibel nur Spott übrig hatte, deshalb fügte er deren Auslegung – wohl das Tiefsinnigste, was man in der christlichen Literatur über Ewigkeit und Zeit, über den literarischen und auch übertragenen Sinn des ersten Kapitels der Bibel lesen kann – in seine Confessiones mit ein. Gebildete Christen sollten die Heilige Schrift nicht naiv, sondern um deren Unauslotbarkeit wissend, lesen.

Stets geht es dem Verfasser der Confessiones darum, Interesse zu wecken beim Leser, der das Christentum noch nicht kennt, und dieses zu vertiefen, bei dem, der es bereits kennt. Dazu aber bedarf es jenes Erweckens und Aufrüttelns durch Gott, das Augustinus mit dem lateinischen Wort ‹excitare› beschreibt. «Es gilt», so verdeutlicht Erich Feldmann das Anliegen und die Zielsetzung der Confessiones, «den Leser und Hörer des Buches aus einer Stellung herauszutreiben und zu bewegen; es gilt, ihn aus seiner (selbstgemachten Denk-)Welt herauszurufen, herzurufen, damit er auf die Stimme seines Gottes höre; es gilt, ein neues Leben, Suchen, Hoffen zu erzeugen; es gilt, den Menschen aufstehen zu heißen; es gilt, den ihn wie aus einem Schlaf aufzuwecken, damit er sein Heil wirke, vielleicht sogar, ihn zu seinem Heile aufzuschrecken; es gilt, ein Feuer zu entfachen und das Antlitz des Menschen zum Himmel zu erheben». – Ich glaube, diese Worte des Verstorbenen lassen an Eindringlichkeit zugunsten eines Verständnisses der augustinischen Confessiones, wie dargelegt, nichts zu wünschen übrig.

Vermutlich haben Sie schon einmal den Ausdruck ‹Spiritualität› gehört oder gelesen. Man versteht darunter vorzüglich eine bestimmte Ausprägung der Frömmigkeit - die christliche z.B. im Unterschied zu der anderer Religionen. Diese wieder läßt sich in einer Fülle differenzierter Benennungen aufteilen wie johanneische, paulinische, petrinische, je nachdem, von welcher Geisteshaltung einer christlich-religiösen Person ein Christ geprägt ist. Die augustinische Spiritualität ist die vom hl. Augustinus geprägte. Rhetorisch und auch sachlich brillant findet sie sich in seinen Confessiones dargestellt. Sie gipfelt im Bekenntnis vom unruhigen Herzen, das erst am Ende unseres irdischen Lebenslaufes zur Ruhe kommt, weil es zu Gott kommt, der als die Fülle allen Glückes die ewige Ruhe ist. Diese Spiritualität durch seine Forschungen verständlicher und dadurch auch attraktiver gemacht zu haben, gehört mit zum Dienst, den Erich Feldmann der Wissenschaft und auch der Kirche geleistet hat. Auf der Anzeige seines Todes steht der Satz aus einer exponierten Stelle der Confessiones: «Erkennen will ich dich Gott, der du mich erkennst, erkennen will ich dich, so wie ich erkannt bin. Du Kraft meiner Seele, tritt in sie ein und bereite sie für dich, daß du sie hältst und besitzt, ohne Makel und Runzel. Dies ist meine Hoffnung». Sie, die Hoffnung Erich Feldmanns, möge auch an uns in Erfüllung gehen. Amen.