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TRAUERREDE FÜR RIA GERMANN

16. Mai 2003

Cornelius Petrus Mayer OSA

 

Lieber Albrecht, liebe Bärbel, Kathrin, Eva und Ingrid, lieber Klaus und Tobias, liebe Freundinnen und Freunde von Ria Germann, verehrte Trauerversammlung.

Um das Rätselhafte unseres Lebens hier mit seinem Sterben-müssen besser oder überhaupt verstehen zu können, bedienen wir uns gerne der Metaphern, der Bildbegriffe. Unter ihnen ist die Metapher 'Reise' bzw. die Metapher 'Pilgerschaft' die wohl treffendste. Die Literatur aller Zeiten und aller Zonen bezeugt dies hundert-, ja tausendfach – die Bibel, wie gehört, ebenso.

Im Augenblick unseres Gezeugt-werdens beginnt unseres Lebens-Lauf. Der Begriff 'Lebenslauf' verdeutlicht unmissverständlich nicht nur die Endlichkeit unseres Lebens, er bringt uns höchst anschaulich das Eilen auf das Ende hin zum Bewusstsein.

Im Unterschied zum 'Lebenslauf' lenkt das Bildwort 'Lebensweg' unseren Geist eher auf die Strecke, auf das, was in einem Leben zwischen Geburt und Tod stattfand, stattfinden sollte, was aber schicksalsgebunden – nicht stattfinden konnte. Ich will dies nun in der gebotenen Kürze illustrieren.

Ria Germann entstammte einer der stadtbekannten Unternehmerfamilien Würzburgs. Familienbedingt unterbrach sie das Gymnasium und übernahm nicht nur die renommierte Kunstschmiede ihres Vaters Eduard Scheller, sie erlernte auch dessen Beruf und erwarb darin den Meistertitel als erste Frau in Deutschland. Sie brillierte mit ihrer künstlerischen Begabung und erhielt Aufträge u.a. bei Opel in Rüsselsheim, bei der noch jungen Bundesrepublik auf dem Petersberg bei Bonn, und wer das Haus am Rothweg 35 betritt, kann sich von ihrem schöpferischen Talent überzeugen.

Bald nach der Heirat mit Albrecht Germann, dem Konstrukteur bei der Fa. König & Bauer, und der Geburt der Tochter Bärbel zog sie sich 1954 aus dem Betrieb zurück. Sie hatte nun dank der wirtschaftlichen Absicherung durch ihren Gatten, der häufig auf Reisen war, Zeit und Muße, auch ihren sonstigen Talenten und Interessen nachzugehen.

1976 heiratete Bärbel Klaus Spiegel, heute Mitglied des Vorstands der Heidelberger Druckmaschinen. Sie beglückte im wahrsten Sinne des Wortes ihre Mutter mit einer dreifachen Großmutterschaft. Bei familiären Feiern, zu denen ich geladen war, entging mir diese ihre Freude an den Kindeskindern nicht.

Gegen Ende ihrer irdischen Pilgerschaft wurde Ria Germann zu einer tragischen Figur, versteht man unter Tragik jene schicksalhafte Ausweglosigkeit, mit der ihre Krankheit sie überraschte. "Denn tragisch ist", nach den Worten eines Philosophen, " 'dass die gegen ein Wesen gerichteten vernichtenden Kräfte aus den tiefsten Schichten eben dieses Wesens selbst entspringen, dass sich mit seiner Zerstörung ein Schicksal vollzieht, das in ihm selbst angelegt und sozusagen die logische Entwicklung eben der Struktur ist, mit der das Wesen seine eigene Positivität aufgebaut hat' " .

Vor rund fünf Jahren feierte Ria Germann ihren 70. Geburtstag, ihr Gatte seinen 75. Sie schmückten die Einladung zu diesem Jubiläum mit je einem Portrait aus der frühen Kindheit. Ich sagte damals bei meiner Laudatio in bezug auf das Foto des Mädchens Ria: die einen forschend fragenden, um nicht zu sagen wissbegierigen Blick dem Apparat zuwerfende junge Dame lasse bereits die Anlagen zu jener intellektuellen Neugierde und zu jenem vor Schwierigkeiten nicht leicht kapitulierenden Willen erkennen, der sie als Persönlichkeit in hohem Maße auszeichnete.

Ich lernte Ria Germann Ende der 60er Jahre kennen und war dann häufig Gast des Hauses. Wir lasen gemeinsam Auszüge aus Platons Staat, umfassende und anspruchsvolle Artikel aus dem Historischen Wörterbuch der Philosophie wie den über Hermeneutik und die über Geschichte, Geschichtsphilosophie und Geschichtstheologie, um nur einige zu nennen. Um diese Zeit entschloss sie sich zu einem zwei Jahre währenden theologischen Kurs mit qualifiziertem Abschluss in der hiesigen Domschule.

Ebenfalls um diese Zeit etablierte sich ein Kreis von Intellektuellen, der sich vorzüglich am Rothweg 35 traf, weil dort das Ambiente, das gepflegte Haus und der große Garten, den idealen Rahmen für schöngeistige, philosophisch und theologisch ausgerichtete Gespräche hergab.

Initiatorin dieser Gesprächsrunden war in der Regel die Herrin des Hauses. In diesem Zusammenhang darf ich den Damenkreis nicht übergehen, der sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre monatlich zu einem thematisch festgelegten Diskurs traf.

Es wäre viel, sehr viel noch über weitere ähnliche Interessen und die damit verbundenen Aktivitäten zu berichten, über Ria Germanns Liebe zur Musik, zur Oper und zum Konzert, über ihre Freude am Gestalten und nicht zuletzt an der bildenden Kunst – sie war eine gute Zeichnerin.

Dies alles mag genügen, um das tragische Geschick verstehen zu können, das über Ria Germann hereinbrach. Ich glaube sagen zu dürfen, das Tragische potenzierte sich noch dadurch, dass sie das Schwinden der Kräfte ihres Intellektes und ihres Willens, speziell der Kraft ihres Gedächtnisses eigenartigerweise geradezu hellsichtig wahrnahm, worunter sie unsäglich litt.

Die intellektuelle Neugierde, die ihr eigene Wissbegier wichen mehr und mehr einer nur kurz aufflackernden Sehnsucht nach Information; die Spannkraft des Wollens einer fatalen Lethargie; die Initiative zur Kommunikation jedweder Art einer Flucht in das Private. Die früher an Gefühlen so reiche Person schien sich auch emotional in ein Ghetto zurückgezogen zu haben. Dabei nahm sie alle diese 'gegen sie gerichteten vernichtenden Kräfte', die letzten Endes 'aus den tiefsten Schichten ihres eigenen Wesens' entsprangen, wahr.

Alle, die Ria Germann kannten, schätzten, bewunderten und liebten, werden diese Tragik am Ende Ihrer Erdentage schmerzlich mitempfinden. Denn, um nochmals auf das Bildwort 'Lebensweg' zurückzukommen, keiner und keine geht seinen bzw. ihren 'Lebensweg' völlig allein. Es gibt auf dieser 'Strecke' Kreuzungen und Verflechtungen, gemeinsame Pfade von unterschiedlicher Kürze und Länge und Dichte. Und es gibt da, so lange das Nebeneinanderlaufen währt, einen Austausch an Erfahrungen, der zur Reifung unserer eigenen Identität und Individualität beiträgt. Von der 'Strecke', die ich mit ihr seit jenen späten 60er Jahren zurücklegen durfte, darf ich dies mit Dankbarkeit feststellen.

Wie gesagt nahm Ria Germann den Zerfall ihrer Kräfte geradezu hellsichtig wahr. Sie ahnte wohl auch die Kürze der ihr noch zugemessenen Zeit. Drei Wünsche äußerte sie wiederholt, berichtet ihr Gatte: ihre Familie möge glücklich sein, sie möge auf alle Fälle vor ihrem Gatten sterben, und dies solle möglichst schmerzlos geschehen.

Ihr klinischer Tod stellte sich rasch ein. Sie starb, wie sie es wünschte, zu Hause, in den Armen ihres Mannes, der sie liebevoll pflegte und sich ganz in ihren Dienst stellte.

Es ist uns, den noch Lebenden, nicht gegeben, uns auf unserem 'Lebensweg' rückwärts zu bewegen, wohl aber ist es uns gegeben, des bereits zurückgelegten Teiles zu gedenken. Ein solches Gedenken wird sich, der Intensität des gemeinsam gegangenen Weges entsprechend, auch auf die Ria Germann beziehen. Da wir aber endliche Wesen sind, wird sich unser Gedenken allmählich verflüchtigen. Christen wissen das, und darum empfehlen sie in ihrer Liturgie dieses Gedenken an ihre Toten dem, der keiner Vergangenheit und auch keiner Zukunft unterworfen ist.

In einem der schönsten Hymnen der Christenheit über den Tod, dem aus dem Mittelalter stammenden Dies irae, dies illa – große Komponisten haben sich davon inspirieren lassen –, kommt der Dichter auch auf dieses Gedenken zu sprechen. Recordare Jesu pie, / quod sum causa tuae viae – Gedenke! beschwören der Dichter und der Sänger zusammen mit dem Beter ihren Heiland, ihren Retter: Milder Jesus wollst erwägen, / dass du kamest meinetwegen.

Das Fortleben bei Gott ist indes nicht nur für den Glauben der Christenheit charakteristisch. Es findet sich mehr oder weniger ausgeprägt in nahezu allen Religionen. Diese Tatsache beweist zwar nur die Sehnsucht des Menschen nach einem besseren Leben, aber keine atheistische Aufklärung hat es bisher fertig gebracht, Menschen diese Sehnsucht zu nehmen. Ja, nicht wenige Philosophen, unter ihnen Platon – gewiss nicht der Geringste – haben daran festgehalten.

Der Satz, den die Familie auf die Todesanzeige setzte, stammt von diesem Platon, der in einem seiner bekanntesten Dialoge dem Sokrates die Worte in den Mund legt: "Es ist Zeit, dass wir gehen: ich um zu sterben, und ihr, um zu leben".

Dieser Satz, für sich allein gelesen, kann freilich auch so verstanden werden: Der Tod ist der absolute Schluss des Lebens. Dies ist jedoch nicht Platons 'Geschäft', um das es ihm im Dialog der Verteidigung des Sokrates geht. Der Dialog endet vielmehr so: "Jedoch, es ist Zeit, dass wir gehen: ich um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist – außer nur Gott – allen verborgen".

Ich möchte gerade im Hinblick auf dieses 'bessere Geschäft' mit der letzten Strophe des mittelalterlichen Hymnus des Dies irae schließen: "Huic ergo parce, Deus: / Pie Jesu Domine, / Dona ei requiem. Amen – Lass sie, Gott, Erbarmen finden. / Herrscher du, / Schenk der Toten ew'ge Ruh".

Amen.