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Die Tagespost vom 29.11.2007 Der Zweck heiligt die Bildung
Die Jahresvollversammlung der Würzburger Gesellschaft zur Förderung der
Augustinus-Forschung befasst sich mit den Überlegungen des
Kirchenvaters über die Bildung Von Regina Einig Würzburg
(DT) Das Jahr der Geisteswissenschaften hat die Bedeutung der
wissenschaftlichen Arbeit des Zentrums für Augustinusforschung in
Würzburg neu ins Blickfeld gerückt. Die Präsenz des von Professor
Cornelius Mayer OSA herausgegebenen Augustinus-Lexikons bei der
Ausstellung „Sprache – Schrift – Bild – Wege zu unserem kulturellen
Gedächtnis“ im Berliner Pergamon-Museum im Sommer zeigte, dass das
Zentrum über Bayern hinaus hohes wissenschaftliches Ansehen genießt.
Bei der Jahresvollversammlung der Gesellschaft zur Förderung der
Augustinusforschung in Würzburg am Samstag war auch zu erfahren, dass
mittlerweile zweihundert Rezensionen über das Werk vorliegen. Zu den 30
000 Titeln in der Literaturdatenbank gesellen sich jährlich drei- bis
vierhundert neue hinzu. Und täglich tausend Zugriffe auf die Homepage
des Instituts dokumentieren das kontinuierlich wachsende Interesse
unter Wissenschaftlern und Studenten. Wie
das Denken Augustins den zeitgenössischen Diskurs über Bildungsfragen
befruchten kann, verdeutlichte der Vortrag von Therese Fuhrer vom
Seminar für Klassische Philologie der Freiburger
Albert-Ludwigs-Universität. Die noch im zwanzigsten Jahrhundert unter
Gelehrten verbreitete Vorstellung einer dekadenten spätantiken Kultur
habe sich mittlerweile gewandelt: „Die Spätantike gilt heute als Zeit
der fruchtbaren Transformation der ,klassischen‘ Bildungsinhalte und
als Angelpunkt in der Vermittlung dieser Inhalte an Mittelalter und
Neuzeit“, erläuterte Fuhrer. Vorherrschend sei heute die Ansicht, dass
politische und soziale Veränderungen in der Spätantike eine
Globalisierung und Pluralisierung des Wissens bewirkten und das
Bildungssystem eine Hochblüte erlebte. Augustins Texte lassen Fuhrer
zufolge nicht nur auf die gute Bildung des Autors schließen, sondern
liefern auch Ansätze für Debatten über Bildungsziele. Ausgehend von
zwei Schriften des Kirchenvaters – „De ordine“ und „De doctrina
christiana“ nahm Fuhrer die Nützlichkeitskriterien unter die Lupe,
unter denen Augustinus Bildung beurteilte. Insbesondere „De ordine“
komme eine Ausnahmestellung zu: „Eine vergleichbare systematische
Darlegung finden wir nicht in den erhaltenen antiken Texten vor
Augustin“, stellte Fuhrer fest. Die Ausbildung in den sieben
sogenannten Freien Künsten stellt demnach einen „Weg der Vernunft“ dar,
der zur Philosophie führt. Wahre Philosophie bietet aus der Sicht des
Platonikers Augustinus das begriffliche und gedankliche
Instrumentarium, um die Wahrheit erfassen zu können. Und die Wahrheit
zu erkennen bedeutet letztlich die Begegnung mit dem trinitarischen
Gott. Bildung in den Disziplinen Grammatik, Dialektik im Sinn der
Logik, Rhetorik, Musik, Geometrie und Astronomie vermittelt
Kompetenzen, die zur Einsicht in die höchsten Dinge befähigen – und
wenn nicht zur Gotteserkenntnis im christlichen Sinn, so doch zu dem
Schluss, dass Gott durch wissenschaftliche Kenntnisse nicht erfasst
werden kann. Das
Bildungsverständnis Augustins ist demnach klar zweckorientiert. Wissen
ist aus dieser Perspektive nicht per se gut und soll immer auf ein
konkretes Ziel hin vermittelt werden. Bemerkenswert sind die
bildungskritischen Ausführungen des Heilige. Abgesehen davon, dass
nicht alles Wissen aus seiner Sicht erstrebenswert erscheint,
widerstrebt ihm eine auf säkulare akademische Fragen begrenzte,
intellektualisierende Sicht der Bildung. Fuhrer erinnerte in diesem
Zusammenhang an jene augustinischen Predigten, in denen die in der
Kirche als der „Schule Christi“ Gebildeten“ angesprochen werden. Als
entscheidendes Kriterium für christliche Bildung hat Augustinus in „De
doctrina christiana“ die Fähigkeit zum Umgang mit der Heiligen Schrift
behandelt. Neben Hebräisch- und Griechischkenntnissen, der Konsultation
von Lexika mit biblischen Orts- und Personenregistern verweist der
Kirchenvater auch auf Geschichte, Chronologie, Naturkunde, Mathematik
und Dialektik. Die größte Bedeutung misst Augustinus der Logik bei,
wenn sie auch nur die Gültigkeit von Aussagen erfassen kann, nicht aber
die absolute Wahrheit. Auch die nichtchristliche Bildung kann aus
seiner Sicht „zum Nutzen der Wahrheit“ dienen. Doch rät er hier zur
Maxime „nichts im Übermaß“. Im
Zitat „ne quid nimis“ („nichts im Übermaß“) in „De doctrina christiana“
liegt Fuhrer zufolge eine Pointe des Textes: Es zeigt, dass die
Überlegungen des Heiligen über „nützliche“ Disziplinen nicht als
Einengung des Bildungskanons zu verstehen sind Indem der Autor aus
seinen – für das Verständnis der Heiligen Schrift nutzlosen –
Kenntnissen einer Komödie des heidnischen Dichters Terenz schöpft, um
seine Vorstellungen von der nötigen Bildung eines Bibelwissenschaftlers
auszudrücken, greift er auf ein Wissen zurück, dass außerhalb des in
„De doctrina christiana“ gesteckten Rahmens liegt. Auch die
Kontrastfunktion paganer Literatur hat Augustinus Fuhrer zufolge sowohl
in den „Confessiones“ als auch im Dialog mit Christen und Nichtchristen
der gebildeten Oberschicht als literarisches Mittel gekonnt eingesetzt,
um Irrtümern die christliche Wahrheit entgegenzuhalten und die von
heidnischen Autoren propagierten Denkmodelle in Frage zu stellen.
Darüber hinaus legen die Predigten und exegetischen Schriften des
Kirchenvaters mit ihren Verweisen auf heidnisches Bildungsgut ein
beredtes Zeugnis dafür ab, dass „er keineswegs die Position vertreten
haben kann, dass sich ein Christ auf einen engen Bildungskanon
beschränken sollte“, unterstrich Fuhrer. Diese Haltung entspreche
derjenigen, die in der modernen Bildungsdebatte gefordert werde: Jeder
Kanon und jedes nutzenorientierte Bildungskonzept müsse gleichzeitig
Raum bieten für Wissen außerhalb des vorgegebenen Rahmens, lautete das
Fazit der Referentin. Entscheidend in der augustinischen Denkordnung
sei die Ausrichtung allen Strebens: die Liebe zu Gott und dem Nächsten. www.augustinus.de © Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur
Wir danken dem J.W. Naumann Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.
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